

»Fraktur mon Amour«
Im März 2006 erschien Judith Schalanskys Liebeserklärung an die gebrochenen Schriften, Fraktur mon Amour, im Verlag Hermann Schmidt Mainz. Jahrzehnte lebten sie am Rand des Vergessens allenfalls auf Wirtshausschildern und in Zeitungsköpfen, heute feiern gebrochene Schriften in Mode, Grafikdesign, Musik und Trendkommunikation ein fröhlich-freches Comeback. Sie zieren Shirts und Plakate, Szene-Flyer und nackte Haut. Und das, obwohl ganze Generationen behaupten, sie nicht lesen zu können und sich das Gerücht der »Nazischrift« entgegen aller historischer Aufklärung hartnäckig hält. Es muss etwas dran sein, an den Formen der Fraktur.
Judith Schalansky stellt 300 gebrochene Schriften vor, darunter sowohl die schönsten Klassiker in originalgetreuen Zeichnungen als auch zeitgenössische Neuschöpfungen. Es lädt zum Entdecken des Formenreichtums ebenso ein, wie zur Renaissance und Connaissance der Fraktur. Das Kunstlederbändchen mit pinkem Blattschnitt öffnet die Türen zu Jugendszenen und vergessenen Schätzen, die beiliegende CD-ROM mit über 130 Fonts erlaubt es – auch dank der wichtigsten Satzregeln für gebrochenen Schriften – der Lust auf diese Schriften gleich freien Lauf zu lassen.
Ausgezeichnet mit dem Designpreis Rheinland Pfalz 2006 und dem Award for Typographic Excellence des TDC of NY 2007.
Vorträge auf der Typo Berlin 2006, bei den TypoTagen Leipzig 2006 und auf der Profile Intermedia Bremen 2006.
Gebrochene Liebe
Judith Schalansky über den Reiz der typografischen Exoten
In der DIN-Schriftenklassifikation werden die gebrochenen Schriften in der Gruppe X zusammengefasst. Gruppe X passt gut, sind sie doch die großen Unbekannten, die Exoten im typografischen Kosmos: alte, ja altertümliche, etwas verschnörkelte und schwer zu lesende Lettern. Jahrzehnte lebten sie am Rand des Vergessens allenfalls auf Wirtshausschildern und in Zeitungsköpfen. Dabei feiert die Fraktur seit einiger Zeit in Mode, Grafikdesign und Musik ein erstaunliches Comeback. Sie ziert T-Shirts und Plakate, Szene-Flyer und nackte Haut. Und das, obwohl ganze Generationen behaupten, sie nicht lesen zu können und sich das Gerücht der »Nazischrift« entgegen aller historischer Aufklärung hartnäckig hält.
Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für alte Bücher, Strichzeichnungen und die gebrochenen Schriften, die zu lesen immer ein wenig Gewöhnung braucht. Im Studium fiel mir auf, dass diese Schriftengruppe in der gestalterischen Praxis ausgeklammert wurde, sie ein typografisches Tabu darstellt. Dabei wird sie für allerlei und durchaus widersprüchliche Zwecke benutzt: Mal sollen die Gebrochenen Gemütlichkeit und Tradition, mal Unangepasstheit und Authentizität vermitteln. Sie können nostalgisch oder trendy, aggressiv oder heimelig, ironisch oder aufrichtig wirken. Vielleicht liegt es an ihrer formalen Differenziertheit, an ihrer visuellen Andersartigkeit, an ihrer bildhaften Form. Eine tätowierte Botschaft in gotischen Lettern ist Ornament und Text zugleich.
Der Band vereint 300 gebrochene Schriften, die digital verfügbar sind, ist gleichsam Katalog und Liebeserklärung. Mit amourösem Titel und forschem Pink setze ich den wissenschaftlich-historischen Publikationen zum Thema etwas Sinnlich-Pragmatisches entgegen. Die rechten Seiten zeigen die Figurenverzeichnisse im konventionellen, mittelaxialen Schema. Ein Blindtext prüft die Texttauglichkeit jeder Schrift. Auf den linken Seiten dagegen werden die Schriften mit Mustern und freien Kompositionen gefeiert. Die beiliegende CD-ROM mit über 130 Fonts erlaubt es der Lust auf diese Schriften gleich freien Lauf zu lassen.