
10.03.2010, Berliner Morgenpost
Sieben Nächte im Plastik-Paradies
von Maria Exner
Bildausschnitt links: Das Porträt eines jungen Vaters mit seinem Kind ist ein Auszug aus der Fotoserie »Das Blaue vom Himmel«, die zwischen Dezember 2008 und März 2009 im Vergnügungsbad Tropical Island in Brandenburg entstand. Florian Fischer erstellte die Fotoserie als seine Diplomarbeit für die FH Potsdam, wo er Fotografie und Kommunikationsdesign studierte.
Foto: Florian Fischer
Berlin/Brand – Wenn das Licht nicht so fahl wäre und sein Körper nicht so blass, dann könnte man glauben, der junge Mann säße mit seinem Kind wirklich an einem Strand auf der thailändischen Insel Phuket. Oder vielleicht in der Dominikanischen Republik, es scheint ziemlich voll zu sein. Die Palmen türmen sich im Hintergrund zu einer beachtlichen Regenwaldwand auf. Auf den Holzliegen fehlen allerdings die Spuren der Meeresluft, die es nicht geben kann, genauso wenig wie die Bräune der Haut, die nur viele Stunden in der Sonne südlich der Alpen bewerkstelligen. Der junge Mann, der seinem blond gelockten Kleinkind da die Flasche gibt, sitzt schließlich mitten in Brandenburg.
Das Porträt von Vater und Kind hat der Berliner Fotograf Florian Fischer im Tropical Island aufgenommen, im Dezember 2008, kurz vor Silvester. Es ist Teil eines 102 Bilder umfassenden Fotoessays über das Vergnügungsbad, der den Titel »Das Blaue vom Himmel« trägt. Das Buch, das Fischer daraus gemacht hat, ist seine Diplomarbeit für die FH Potsdam, wo er bis 2009 Fotografie und Kommunikationsdesign studierte. Vergangene Woche hat er in Gera damit den Aenne-Biermann-Preis für Gegenwartsfotografie gewonnen.
Vergnügungsbäder, diese Alltagsfluchten, haben den 29-Jährigen schon fasziniert, als er noch ein kleiner Junge war und jeden Geburtstag in einem Spaßbad in der Nähe von Tübingen feierte. »Als ich nach einem Thema suchte, habe ich mich an diese Mischung aus skurriler Architektur und Freizeitvergnügen erinnert. Das Tropical Island ist das größte Vergnügungsbad, da war es ein logischer Schluss, dort zu fotografieren«, erklärt Florian Fischer. Sieben Tage quartierte er sich im Tropical Island ein, auch wenn Freunde und Bekannte sein Unternehmen nicht ganz ernst nahmen. Tagsüber fotografierte er, nachts schlief er auf den Holzliegen oder auf einem Handtuch im Sand. »Bei konstanten 26 Grad war das überhaupt kein Problem.« Einen Platz im Indoor-Zelt für 25 Euro die Nacht wollte er nicht mieten.
Dafür hat er den Zeltplatz fotografiert, genau wie das riesige Becken der ›Südsee‹ und den 25 Meter hohen Wasserrutschturm. Gedrängt an eine Seite der 360 Meter langen, 210 Meter breiten und 107 Meter hohen freitragenden Halle, wirkt der Turm in seinen Lego-Farben wie die Spielzeug-Version einer Wasserrutsche. Dabei soll sie laut Betreiber die größte Europas sein. Florian Fischers Bilder beschönigen nichts, sie suchen aber auch nicht gezielt nach der Hässlichkeit in dieser gigantischen Blase aus Stahl und Glas. »Der junge Fotograf hat sich einer ironischen, aufs Bizarre zielenden Betrachtungsweise klug enthalten«, heißt es in der Rede zur Verleihung des Aenne-Biermann-Preises. »Jeder, der durch den Eingang kommt, weiß, dass er sich in eine künstliche Welt begibt«, sagt Fischer. Künstlichkeit aufzudecken, war also nicht sein Ziel.
Der Fokus von »Das Blaue vom Himmel« liegt auf den Menschen. »Vom Professor über den BWLStudenten bis zur Brandenburger Großfamilie habe ich Leute aus allen Milieus im Tropical Island getroffen. Die Besucher sind ein Querschnitt der Gesellschaft«, so der Fotograf. Florian Fischer zeigt sie als Reisende, denen die Auseinandersetzung mit der Fremde erspart bleibt. Entspannt, aber stets etwas leer blicken sie in seine Kamera. Aufgefallen sei er in den sieben Tagen niemandem – bei bis zu 5000 Besuchern am Tag kein Wunder. »Außerdem hat beinahe jeder eine Kamera dabei, die Leute schießen ständig Erinnerungsfotos«, erzählt Fischer, der selbst mit einer Leica Minilux und einer Unterwasser-Wegwerfkamera fotografierte.
Damit wollte er dem Traum vom Südsee-Paradies auf die Spur kommen, das sich 60 Kilometer südlich von Berlin materialisiert und erlebbar wird. »Simulation spielt im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Facebook ist ja im Prinzip auch die Simulation eines Dorfplatzes, auf dem man Freunde trifft. Aber er bleibt virtuell«, sagt Fischer. Das Tropical Island dagegen sei trotz aller Künstlichkeit echt, weil die Menschen wirklich dorthin kämen.
Bilder sonniger Parallelwelten
Bilder aus der Serie »Das Blaue vom Himmel« sind bis zum 2. Mai zu sehen im Museum für Angewandte Kunst, Greizer Straße 37, Gera und unter www.das-blaue-vom-himmel.com. Per E-Mail an mail@flofischer.de kann man den handsignierten Bildband bestellen, Preis: 80 Euro.